Einblick

Warum ich gerne Pfarrerin bin …

Mein Vater war Pfarrer und außerdem auch noch Missionar – so richtig in der Pioniermission bei den Ureinwohnern Malaysias. Schon als Jugendliche hab ich mit ihm und mit meiner Mutter viel diskutiert, warum sie das Christentum als befreiend und „wahr“ ansahen. Ich wollte wissen, warum wir eine Folterszene als Zentrum unserer Religion haben. – Jesu Frage nach dem Warum, die er Gott am Kreuz entgegen geschrien hat, die hat mich beschäftigt, das wollte ich tiefer verstehen. Meine Eltern haben meine Fragen verstanden und mich bestärkt, darüber nachzudenken. Für meinen Glauben ist es zentral, dass die dunklen, die schmerzvollen Seiten des Lebens nicht ausgeschlossen werden, sondern ernst genommen werden. Nach meinem Empfinden ist das eine Voraussetzung für wirkliche, beglückende Lebensfreude. Es geht für mich dabei immer um die Würde der Leidenden. Wir beten nicht die Folter an, sondern den, der die Folter überwunden hat.

Letztendlich geht es im Pfarramt noch immer genau darum. Die Menschen, die Kirche sind und leben, sind Suchende. Sie suchen nach Sinn, nach Gerechtigkeit, nach Erfüllung und Glück. Die Bibel spricht sie als Ebenbilder Gottes an, als geliebte Kinder Gottes auch, sie legt unheimlich viel Zutrauen und Vertrauen in sie. Die Bibel ist ein Beziehungsbuch, prall gefüllt mit Leben. Meine Aufgabe als Pfarrerin ist es, diese Fülle der jüdisch-christlichen Tradition für die suchenden Menschen, die mir jeden Tag begegnen, aufzuschließen. Zugleich habe ich natürlich nicht fertige Antworten, sondern bleibe selbst immer auf der Suche. Dieses „Pilgern“ mit den Menschen schenkt mir viele intensive, innige Begegnungen und tief empfundene Lebendigkeit, für die ich diesen Beruf sehr schätze.