Ein Interview mit dem Bischof der EKKW, Dr. Martin Hein

Was hat Sie bewogen, Theologie zu studieren?

BISCHOF HEIN: Ursprünglich habe ich mit dem Jurastudium begonnen. Das ließ mich aber eigentümlich unbefriedigt, denn mich beschäftigte viel stärker die Frage, was unsere Welt »im Innersten zusammenhält« – also die Frage nach Gott. Neben einer religiösen Grundhaltung war es die philosophische Dimension, die mich zur Theologie gebracht hat: also das Interesse an einer Klärung, wie sich Glaube und Vernunft zueinander verhalten.

Welches theologische Thema hat Sie während Ihres Studiums begleitet?

BISCHOF HEIN: Eindeutig die Begegnung mit der Theologie Martin Luthers – und was es heute bedeuten könnte, einen gnädigen Gott zu haben. Diese Begegnung habe ich als Befreiung erlebt. Seither frage ich, welche Konsequenzen diese reformatorische Erkenntnis für die Kirche, für die Gesellschaft und jeden einzelnen Christen hat.

Was ist das Einzigartige am Theologiestudium?

BISCHOF HEIN: Seine große Weite, in die es hineinführt: von der altorientalischen Geschichte bis zu Gegenwartsfragen unserer Gesellschaft (etwa Bioethik oder Sterbehilfe). Faszinierend ist die Arbeit mit der Bibel in ihren ursprünglichen Sprachen. Hier bewahrheitet sich: Das Erlernen einer Sprache eröffnet neue Welten. Und die Sozialethik rührt an fundamentale Fragen unseres Lebens: Woran orientiert sich unsere Gesellschaft? Welche Maßstäbe entfaltet der christliche Glaube?

Welchen Platz hat die Kirche in unserer Gesellschaft?

BISCHOF HEIN: Wir sind Volkskirche. Damit haben wir auch den Auftrag, die Botschaft des Evangeliums kritisch in die Verhältnisse dieser Welt hinein zu bezeugen. Das ist ein anspruchsvolles Unternehmen und setzt die Verwurzelung im Glauben ebenso wie wache Zeitgenossenschaft voraus. Als Kirche erinnern wir daran, dass diese Welt und wir Menschen nicht einfach ein Produkt des Zufalls sind, sondern Geschöpfe des liebenden Gottes. Wer das beherzigt, dessen Leben erscheint in einem neuen Licht: Es verändert sich das Verhältnis zur Schöpfung ebenso wie zum Mitmenschen. Dies zu bezeugen, im Gottesdienst am Sonntag wie im Alltag, ist die entscheidende Aufgabe der Kirche. Sodann ist Bildung ein zentrales Thema der Kirche: von der Kindertagesstätte bis zu Menschen in der zweiten Lebenshälfte, in den Schulen ebenso wie im Konfirmandenunterricht. Und schließlich ist Kirche seit ihren Anfängen nicht ohne Diakonie, ohne das aktive Eintreten für den Mitmenschen denkbar. Hier werden die Aufgaben nicht geringer!

Welche Aufgaben haben Pfarrerinnen und Pfarrer in unserer Gesellschaft?

BISCHOF HEIN: Sie stehen mit ihrer Person ein für die Gegenwart des ewigen Heils, das Gott uns in Christus schenkt. Sie sind gewiss nicht Mittler, aber doch Vermittler!

Pfarrerinnen und Pfarrer haben deshalb vor allem die Aufgabe, den Menschen nahe zu sein, wo immer sie ihren Dienst tun. Gerade in einer Zeit, in der Kommunikation häufig durch Medien stattfindet, ist der persönliche Kontakt von Angesicht zu Angesicht wichtiger denn je. Seelsorge, Hausbesuche – hier werden Pfarrerinnen und Pfarrer immer wieder gefragt sein. Ebenso geht es darum, für Menschen, die am Rande oder im Schatten unserer Gesellschaft leben, einzutreten. Pfarrerinnen und Pfarrer haben die Aufgabe, in einer unübersichtlichen und atemlosen Welt Orientierung zu geben. Mit anderen Worten: Sie sollen glaubwürdige Zeugen des Evangeliums sein.

Warum sollten junge Menschen heute Theologie studieren und ins Pfarramt gehen?

BISCHOF HEIN: Weil wir auch in den kommenden Jahren einen großen Bedarf an gut ausgebildeten und hoch motivierten Pfarrerinnen und Pfarrern in unserer Kirche haben. Deren Arbeit ist für die Menschen in unseren Gemeinden unverzichtbar. Und aus eigener Erfahrung kann ich sagen: Pfarrer oder Pfarrerin zu sein, ist einer der vielseitigsten und schönsten Berufe, die es gibt!